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Auch Pferde frieren

 

 Auch Pferde frieren

Das Pferd ist ein Weidetier dessen natürlicher Lebensraum  die offenen Steppen waren. Diese niederschlagsarmen Gebiete sind durch heiße Sommer und sehr kalte Winter geprägt. Der Unterschied zwischen den Extremtemperaturen von Sommer und Winter liegt oft über 90° C!

Im Körper des Pferdes laufen ununterbrochen biochemische Reaktionen ab. Sie sind notwendig um

die Organe funktionsfähig zu halten. Ob in der Zellatmung, der Herzfunktion oder der Muskulatur, überall werden diese lebenserhaltenden Stoffwechselvorgänge von Biokatalysatoren, den sogenannten Enzymen unterstützt. Die Stoffwechselenzyme funktionieren nur in einem engen Temperaturbereich. Das Pferd musste in seiner Entwicklungsgeschichte sehr effektive Mechanismen entwickeln, seine Körpertemperatur konstant zu halten.

Bei Pferden, die das ganze Jahr über auf der Weide oder im Offenstall gehalten werden, liegt der Temperaturbereich, in dem  für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur keine zusätzliche Energie (d.h. keine zusätzliche Nahrung) verbraucht wird  zwischen -15° C und 25° C.

Diesen Bereich nennt man "thermoneutrale Zone". Erst wenn die Umgebungstemperatur unter -20° C fällt, muss das Pferd für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur etwa 2,5% der Erhaltungsenergie zusätzlich aufbringen. Um keine Missverständnisse aufkommen zulassen, betone ich, dass diese Temperaturangaben auch für Warmblutpferde, ja sogar für Araber gelten. Bei nordischen Pferderassen liegt die untere Grenze der thermoneutralen Zone noch tiefer.

Der Wärmeaustausch mit der Umgebung findet über die Haut statt. Das Fell und das schwarze Hautpigment sind ein ausgezeichneter Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung.

Bei Umgebungstemperaturen über 25° C wird Wärme durch vermehrte Durchblutung der Haut an die Umgebung abgegeben. Selbst bei hohen Temperaturen schwitzen Pferde auf der Weide kaum. Weidepferde bewegen sich während der Tageshitze so wenig wie möglich und suchen gern schattige Plätze auf. Die Hauptaktivität verlagert sich in die kühle Nacht.

Beim Reiten entsteht durch die Muskelarbeit Wärme. In den Ausdauersportarten wie der Vielseitigkeit, vor allem aber beim Distanzreiten, muss die durch Muskelarbeit entstehende Wärme abgeleitet werden.

Bei der Wärmeleitung wandert die Wärme aus den wärmeren Geweben nach außen. Die Hautoberfläche des Pferdes ist aber so klein, dass eine Wärmeregulation durch Wärmeabstrahlung nicht ausreicht.

Flüssigkeit ist ein guter Wärmespeicher. Die im Muskel entstehende Wärme wird vom Blut an die Körperoberfläche transportiert. Die weit verzweigten Blutgefäße der Haut fassen bei maximaler Füllung 6 - 8 l Blut. Das Blut wird in der Haut abgekühlt und kann im Körperinneren wieder Wärme aufnehmen und nach außen ableiten.

Auch die Konvektion, das ist die Kühlung durch vorbeistreichende kühle Luft, reicht nicht aus, die bei schwerer Muskelarbeit entstehende Wärme abzuleiten. Der effektivste Weg der Kühlung ist die Verdunstung von Flüssigkeit an der Körperoberfläche. Verdunstet Flüssigkeit, entsteht Kälte. Jeder kennt dieses Phänomen aus eigener Erfahrung. Die Verdunstung von Wasser am Körper erzeugt nach dem Baden im Freien unangenehme Kälte. Wind beschleunigt die Verdunstung und erzeugt ein noch stärkeres Kältegefühl.

Beim Pferd ist die effektivste Art das Blut in der Haut abzukühlen die Verdunstung von Schweiß an der Körperoberfläche. Bei dieser Art der Kühlung verliert das Pferd in der Stunde bis zu 12 l Schweiß, der 40 bis 50 gr. Elektrolyte, vor allem Natrium-, Kalium- und Chlorid Ionen enthält. Wird die verlorengegangene Flüssigkeit nicht ständig durch Tränken der Pferde ersetzt, kann es auf langen Distanzritten bei schlecht vorbereiteten Pferden zu Verlusten von 40 - 60 l Schweiß kommen. Flüssigkeitsverluste in dieser Größenordnung sind lebensgefährlich!

Gut trainierte Pferde sind in der Lage, ohne gefährlich viel Flüssigkeit zu verlieren, die Körpertemperatur in sehr engen Grenzen zu halten. Selbst bei Außentemperaturen von 36 - 38° C im Schatten(!) wurden bei gut trainierten Pferden keine Körpertemperaturen über 38,6°C gemessen. Bei ungenügend trainierten, überforderten Pferden wurden dagegen Temperaturen bis über 42° C gemessen. Diese Pferde wären völlig erschöpft.

An windstillen feucht heißen Tagen funktioniert die Kühlung durch Verdunstung schlecht oder gar nicht. Wird den Pferden bei solcher Witterung Leistung abverlangt, droht eine Überhitzung des Körpers mit zusammenbrechen der Wärmeregulation, der Hitzschlag.

Überhitzung droht nicht nur im Sommer! Bis das dicke, hervorragend gegen Wärmeverlust isolierende Winterfell mancher Pferderassen durchgeschwitzt ist und über Verdunstung Wärme nach außen abgibt, kann die Körpertemperatur des Pferdes schon gefährlich hohe Werte erreichen.

Die Abgabe überschüssiger Wärme ist für das Pferd schwieriger als die Wärmeisolation im Winter.

Je größer die Körperoberfläche im Vergleich zum Körpergewicht ist, umso größer ist der Wärmeverlust durch Abstrahlung. Das Pferd besitzt pro kg Körpergewicht im Vergleich zum Menschen nur die halbe Oberfläche. Für den Wärmetransport an die Oberfläche und die Wärmeabgabe spielt, wie zuvor schon angesprochen, der Kreislauf die Hauptrolle. Die Wärme wird über das Blut in die Haut transportiert. In kalter Umgebung nimmt die Durchblutung der Haut ab. Die Haut kann sich in kalter Umgebung auf fast 0° C abkühlen. Die Haut und das Unterhautfettgewebe wirken als Isolierschicht für den Körper. Das Haarkleid der Haut wirkt durch die eingeschlossene Luft zusätzlich gegen Auskühlung. Der Schutz vor Kälte ist beim Pferd so effektiv, dass auch ein arabisches Vollblut oder jedes gesunde Warmblutpferd sich bei Außentemperaturen von weit unter  -20° C im Freien wohlfühlt. Das Pferd ist eines der Tiere, die sich durch ihre extrem gute Thermoisolation am besten an unterschiedlichste Temperaturen anpassen kann.

Der Mensch überträgt seine eigene Temperaturempfindung auf das Pferd. Ställe werden deshalb auf Kosten eines gesunden Stallklimas auf  eine für den Menschen angenehme Temperatur gebracht.

Was tut der Mensch, wenn es ihm kalt wird? Er zieht einen Pullover an - Also kriegt sein Pferd auch einen! Dabei wird vergessen, dass die Natur dem Pferd schon einen Winterpelz verpasst hat!

Das Pferd steht in einem nach seinem Gefühl viel zu warmen Stall und bekommt dazu noch eine schöne extra warme Decke angezogen. Unwahrscheinlich, dass sich die Pferde besonders wohl fühlen!

Decken haben aber doch enorme Vorteile! Im Gegensatz zu Pferden kann man die Decke in die Waschmaschine stecken. Gerade bei Schimmeln spart das enorm Zeit. Vor allem während der Turniersaison im Sommer. Schließlich tragen wir im Sommer auch gern einen Winterpullover.

In der Natur mit ihren jahreszeitlichen Temperaturschwankungen passen sich die Pferde an Wärme und Kälte an. Dieser Wechsel wird besonders von der veränderten Tageslänge aber auch von der Umgebungstemperatur ausgelöst. Beleuchtungsprogramme und Decken, die die Bildung des störenden beim Sportreiten und auf der Schau störenden Winterfells hemmen sollen, bringen den gesamten Stoffwechsel des Pferdes durcheinander.

Das Fernhalten aller Witterungsreize schwächt auch das Immunsystem. Da helfen auch alle noch so teuren Kräuter und unspezifische Reiztherapien nichts.

Das Fell schützt die Pferde ausgezeichnet gegen Witterungseinflüsse. Die Haare liegen dachziegelartig übereinander. Die empfindlichen, haarlosen  Hautstellen um den After und bei Stuten um die Scheide werden  durch Haare der Schweifrübe abgedeckt. Hautfett macht die Haare wasserabweisend. Es dauert viele Stunden bis die Nässe die Haut  erreicht.

Falsch ist aber auch die Vorstellung, dass Pferde nicht frieren können! Bei den ersten kalten Herbstregen stehen viele Pferde zitternd auf  Weiden ohne Unterstand oder Windschutz. Muskelzittern ist eine Möglichkeit Wärme zu erzeugen. Tagelanger Regen durchnässt auch Robustpferde bis auf die Haut. Erzeugt bei kaltem Herbstregen heftiger Wind noch Verdunstungskälte an der Körperoberfläche, wird es auch für Pferde zu viel. Das Immunsystem kann dem Erregerdruck, der immer vorhanden ist nicht mehr standhalten. Lungenentzündungen sind dann Folge von Erkältungen. Auch ein durch Arbeit nass geschwitztes Pferd kann sich in Zugluft und besonders beim Hängertransport ohne Decke erkälten. Es gibt sicher noch andere Situationen, in denen eine Decke einem Pferd helfen kann. Im Normalfall aber braucht ein Pferd keine Decke sondern viel Bewegung und viel frische Luft.