BuiltWithNOF
Notfall

Problem Pferdenotdienst

 

Bei einem Ausritt an einem schönen Sonntag tritt ein Pferd bei einem flotten Galopp über eine frisch gemähte Wiese in eine eingewachsene Drahtschlinge. Die Wunde blutet stark, das verletzte Tier belastet das getroffene Bein nicht mehr. Für die betroffen ist sofort klar, ein Tierarzt muss her, sofort.

In vielen Gebieten ist die Zahl von Pferdepraxen oder Pferdekliniken so groß und die Fahrstrecken dadurch so kurz, dass bis zum Eintreffen des Tierarztes nur wenige Minuten vergehen. In dünn besiedelten Regionen mit einer geringen Pferdedichte gibt es weniger auf Pferde spezialisierte Tierärzte und die Fahrstrecken sind erheblich länger, hier kann es länger dauern.

Bei Nacht, an Sonn- und Feiertagen kann es sogar schwierig werden eine Praxis zu finden, die zum Notfall kommt.

 

Notfälle sind Erkrankungen der Pferde, die das Leben gefährden oder die Gesundheit dauerhaft schädigen können.

 

In unserem Fall wird der Haustierarzt erreicht. Dieser setzt sich sofort in den Praxiswagen und ist nach einer Stunde und 80 km bei dem verletzten Pferd und versorgt es.

Alles ist gut bis die Rechnung kommt. Mit 10 € für die Anfahrt hatte der Pferdebesitzer gerechnet, und erhöhter Gebührensatz an Sonn- und Feiertagen? Was soll das denn?

Die zusätzlich in Rechnung gestellten Gebühren für Notfälle geben oft Anlass zum Streit. Dass ein Tierarzt nicht ständig erreichbar ist oder der Notdienst nicht funktioniert stößt auf Unverständnis. Ich will hier einmal die Problematik aus der Sicht des Tierarztes schildern.

Der Kunde kann sich absolut nicht vorstellen, was ein Notfall für die Organisation der Praxis bedeutet. Er begreift auch oft nicht, dass das geänderte Verhalten von Pferdehalter, aber auch die Veränderte Situation der Tierärzte die Notversorgung in der Pferdepraxis gefährden können.

 

Konkurrenz und das Geiz ist Geil Syndrom (GIGS)

 

Konkurrenz belebt das Geschäft! Diese alte Weisheit aus der freien Wirtschaft gilt immer noch. Monopole sind für den, dessen Geschäftszweig sie schützen eine feine Sache. Er kann die Preise willkürlich, also zu seinen Gunsten festlegen. Da kein Mitbewerber um die Kunden vorhanden sein darf, ist Service und Kundenfreundlichkeit unbequemer und damit unnötiger Kram.

Die Tierärzteschaft hat in den letzten 10 Jahren erhebliche Konkurrenz um die Kundschaft erhalten. Um in den großen Reitställen „in“ zu sein, ist es  ist unerlässlich, für sein Pferd eine ganze Heerschar von Spezialisten zu beschäftigen. Für undefinierbare Probleme stehen diverse Wunderheiler parat. Für die Zähne kommt der Pferdezahnarzt. Aber eben nur für die Zähne und nur dann, wenn genug Kunden zusammenkommen dass sich die Aktion lohnt. Nachts oder zur Unzeit finden solche Aktionen nie statt. Es kommt auch garantiert kein Notruf, der Dentisten oder Heilpraktiker zwingt, ihre Arbeit abzubrechen und zum Notfall zu hetzen.

„Laborwagen“ fahren die Reitställe regelmäßig an, um Blut zu nehmen. Eine Ausbildung ist dafür nicht notwendig, die Preise für die Dienstleistung ist betriebswirtschaftlich durchkalkuliert. Merkwürdigerweise akzeptieren die Kunden die wesentlich über den Preisen der Tierärzte liegenden Kosten ohne zu Murren. Der Haustierarzt darf die Ergebnisse dann kommentieren. Kostenlos versteht sich.

Für chronische Erkrankungen, die man ohne Hetze behandeln kann sind die Heilpraktiker erste Wahl. Tierärzte sind für die akuten Fälle da. Dann aber bitte sofort und rund um die Uhr.

Aber auch aus den eigenen Reihen nimmt die Konkurrenz zu.

Noch vor wenigen Jahren war es üblich, dass die Pferdekliniken den praktischen Tierärzten, die ja Problemfälle überweisen sollten keine Konkurrenz in der ambulanten Praxis gemacht haben. Ich weis von 8 Tierkliniken die in meinem Praxisgebiet (Raum Saarland und Trier) um Kunden kämpfen. Vermutlich sind es aber noch mehr.

 

Da tierärztliche Kliniken rund um die Uhr besetzt sein müssen, müsste die Notversorgung eigentlich gesichert sein.  Aber die Klinik aus Warendorf (!!) kommt zwar für Massenimpfungen ins Saarland, lebensbedrohende Notfälle überlässt man den örtlichen Kollegen.

 

Die Abrechnung

 

Der tierärztliche Beruf ist ein freier Heilberuf, die Tierärzteschaft ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Abrechnung der tierärztlichen Leistungen erfolgt gemäß der Gebührenordnung für Tierärzte. Die darin enthaltenen Gebührensätze wurden von Vertretern der Tierschutzverbände, der Landwirte und der Tierärzteschaft ausgehandelt. Gemäß § 12 der Bundes-Tierärzteordung, die den Bundestag ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Buderates die Entgelte für tierärztliche Tätigkeiten und die Preisspannen für die vom Tierarzt angewandten Medikamente festzulegen, wurde die derzeit gültige Gebührenordnung 1999 vom deutschen Bundestag beschlossen und ist mit der Veröffentlichung am 30. Juli 1999 im Bundesgesetzblatt in Kraft getreten.

Die TOG ist also keine unverbindliche Empfehlung, sondern ein Gesetz, an das sich die Tierärzte halten müssen. Jeder Tierarzt, der den einfachen Satz der Gebührenordnung unterschreitet, macht sich strafbar.

Das klingt aber äußerst Verbraucher unfreundlich. Aber keine Angst. Das „Geiz ist geil Syndrom“ (GIGS) hat längst die Pferdepraxis erreicht. Telefonumfragen nach den Preisen von Impfungen, Wurmkuren und Operationen sind auch in der Pferdpraxis tägliches Brot. Unterschreitungen der TOG durch Tierärzte, die glauben nur durch günstige Preise Pferdkunden gewinnen zu können, sind üblich. Der Kräfte des Marktes setzen sich also auch hier durch. Das GIGS hat Zukunft.

Langsam! Auf dem freien Markt bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis einer Dienstleistung. An der Preisbildung sind der Auftraggeber und der Anbieter einer Dienstleistung beteiligt. In der Wirtschaft ist es aber auch üblich, dass eine Dienstleistung, die sich nicht lohnt nicht angeboten wird, oder dass Unternehmer, die unwirtschaftlich arbeiten Pleite gehen.

GIGS in der Wirtschaft bedeutet, dass sich der Verbraucher über den technisch hervorragend ausgerüsteten Fernseher aus China, den er zu einem unglaublich günstigen Preis beim Discounter erworben hat freut, aber entsetzt ist, wenn das Elektronikwerk in seiner Heimatstadt die Produktion nach China verlegt.  

Gigs zwingt Betriebe, die auf dem Markt bestehen wollen, zur Rationalisierung. Unrentable Betriebszweige müssen aufgegeben werden, die Personalkosten müssen reduziert werden.

Nun Tierarzt wird man nicht wegen des Geldes, sondern um das Leiden der Tiere zu lindern. Dummerweise sind dafür aber nicht unerhebliche Investitionen erforderlich. Wer das Glück hat schon von Geburt an jenseits der Geldbarriere zu leben kann sich voll seinem Hobby hingeben. Bei anderen wird die Bank aber auf die Rückzahlung der zur Einrichtung einer Praxis notwendigen Kredite bestehen.

Nur eine Praxis, die Gewinn abwirft ist in der Lage auf Dauer ihre Aufgabe zu erfüllen. Mit den in der TGO festgelegten Entgelten für tierärztliche Leistungen soll die flächendeckende Notversorgung von Patienten sichergestellt werden.

Ein angestellter Tierarzt mit Erfahrung in der Pferdepraxis, der 3000 € im Monat brutto verdient kostet den Praxisinhaber mit den Lohnnebenkosten etwa 50000 € im Jahr. Die müssen erst einmal verdient werden!

 

 Spezialisierung

 

Es würde in der Bevölkerung Empörung auslösen, wenn das Gesundheitsministerium per Gesetz  den ärztlichen Notdienst so regeln würde, dass jeder Mediziner, unabhängig von seinem Tätigkeitsgebiet in der Nacht oder am Wochenende für Notfälle aller Art zuständig gemacht wird. Würden sie sich in guten Händen fühlen, wenn sie mit einer komplizierten Schwergeburt am Sonntag zum Zahnarzt müssten?

Vom Tierarzt wird nicht nur erwartet, dass im Notfall alle Disziplinen der Tiermedizin, von der Gynekologie bis zur Notfallchirurgie beherrscht werden und seine Praxis auch über alle dafür notwendigen Geräte und speziell geschultes Personal verfügt. Rund um die Uhr, versteht sich. Diese Bereitschaft für alle Fälle wird nicht nur wie beim Menschen für eine einzige Spezies verlangt sondern von der Wüstenspringmaus bis zum Reitelefanten.

Der Tierarzt als Generallissimus des Notfalls und hier als Spezialist für alle lebensbedrohenden Erkrankungen der gesamten Tierwelt. Diese Forderung ist an sich schon absurd. Und sie steht in krassem Widerspruch zu der Notwendigkeit der Spezialisierung, die gerade in der Pferdemedizin immer notwendiger wird.

Nur wer sich in der Pferdpraxis auf Teilgebiete der Pferdmedizin spezialisiert kann optimal arbeiten ohne sich zu Tode auszurüsten!

Der Spezialist fällt aber für die Notversorgung weitgehend aus. Ebenso wie die immer zahlreicher werdenden und Kolleginen und Kollegen, die nur noch „Naturheilverfahren“ anbieten.  

 

Was hält ein Tierarzt aus?

 

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in der Krise. In Europa muss ein deutscher Arbeiter mit Kollegen aus dem Osten Europas konkurrieren, die im Monat gerade einmal 100 € verdienen. Die Lösung wären Arbeitnehmer, die 80 Stunden in der Woche arbeiten und die restlichen 88 Stunden in der Woche für ihren Betrieb rund um die Uhr auf Abruf bereit stehen. Lohn gibt es nur, wenn der Arbeitgeber allergnädigst für die Arbeit bezahlen will. Feierabend gibt es keinen, Wochenende, Urlaub, Weihnachten und Ostern sind abgeschafft.

Was würden die Betroffenen dazu sagen, wenn das Wirklichkeit würde?  Der Einführung solcher Arbeitsbedingungen stehen aber Gesetze im Wege. Nach der Genfer Konvention zur Kriegsführung gilt es als Folter, wenn Kriegsgefangene immer wieder zu unregelmäßigen Zeiten aus dem Schlaf gerissen und zur Arbeit gezwungen werden. Und selbst einem Schwerstverbrecher gegenüber ist auch nur die bloße Androhung von Folter ist verboten.  

Dass sich solche Arbeitsbedingungen nicht realisieren lassen liegt auch daran, dass die unfähige Pharmaindustrie immer noch keine Pille hat, die Schlaf und psychische Entspannung für 100 Jahre überflüssig machen. Aber vielleicht schafft hier die Genforschung den Durchbruch.

Zum Schaden für die Wirtschaft hält bis heute kein Mensch die oben beschriebenen Belastungen auf Dauer aus.

Und doch werden an den Tierarzt in Deutschland genau diese Forderungen gestellt!

Der Tierarzt hat allzeit bereit zu sein.

Es ist verständlich, dass man im Notfall auch den Tierarzt haben will, der auch sonst das Pferd betreut. Auch in der Tiermedizin ist das Vertrauensverhältnis zwischen dem Tierhalter, dem Eigentümer des Tieres und dem Tierarzt entscheidend für den Behandlungserfolg. Aber selbst in der Humanmedizin ist der Hausarzt nicht immer erreichbar. Hier wird aber akzeptiert, dass sich der Patient dann an den ärztlichen Notdienst wenden muss. Für bedrohliche Notfälle steht sogar der Rettungsdienst mit Notarzt bereit. Kein praktischer Arzt muss seine Sprechstunde unterbrechen und zum Unfall auf die Autobahn hetzen!

Nach der Berufs- und Standesordnung für Tierärzte ist jeder praktizierende Tierarzt dazu verpflichtet am Notdienst teilzunehmen. Es ist also ein Notdienst vorgesehen. In Teilbereichen und bestimmten Gebieten funktioniert er auch. Das Netz an Kleintierkliniken ist in meinem Praxisgebiet so dicht, dass eine Versorgung von Notfällen jederzeit gewährleistet ist. Einige Kliniken organisieren sogar einen Transportdienst, der  kranke Tiere beim Besitzer abholt. Hier funktioniert die Versorgung von Notfällen.

Von solchen Zuständen kann man in der Pferdpraxis nur träumen. Es gibt sicher Gebiete, die eine so hohe Dichte von Pferdpraktikern und Pferdekliniken haben, dass der Notdienst für Pferde funktioniert.

In meinem Praxisgebiet kann von einem funktionierenden Notdienst keine Rede sein. Da es die Probleme sicher auch in anderen Regionen gibt, will ich hier aus meiner Sicht erläutern, wo die Probleme liegen. 

 

Die einfachste Lösung des Problems wäre es eine Assistenzkraft einzustellen. Ein angestellter Tierarzt mit Erfahrung in der Pferdepraxis, der 3000 € im Monat brutto verdient kostet den Praxisinhaber mit den Lohnnebenkosten etwa 50000 € im Jahr. Die müssen erst einmal verdient werden!

War  es zu der Zeit, als ich Assistenztierarzt war Ehrensache, sich nicht im Praxisgebiet der „Lehrpraxis“ niederzulassen, ist dies heute üblich. Es ist ein Existenzrisiko einen Assistenten gegen sich auszubilden. Kann man es einem Praxisinhaber, bei dem mehrmals Angestellte noch während sie angestellt waren versucht haben Kunden für ihre spätere Praxis abzuwerben, und das mit so unsauberen, wie kostenlose Hengstkastrationen oder falsche Zeugenaussagen vor Gericht, verdenken zu sagen „Angestellte?- Nein Danke“!

Eine preisgünstigere Möglichkeit sich zu entlasten wäre, eine Praxisvertretung für die Wochenenden einzustellen. Wenn man die Vertreter nicht kennt ist dies für den Praxisinhaber ein Lotteriespiel. Ich habe gute Vertretungen gehabt aber auch solche die merhfach Notfälle, die zwischen 10 und 20 km vom Praxissitz entfernt waren, am Telefon mit der Begründung „bis ich komme ist ihr Pferd tot“ abgewimmelt haben. Wäre nur der Anrufbeantworter eingeschaltet gewesen, hätte ich weniger Ärger bekommen!

 

 

Während in der Kleintierpraxis jeder Patientenbesitzer im Wartezimmer dafür Verständnis aufbringt, wenn ein angefahrener, stark blutender Hund, der in die Praxis gebracht wird sofort versorgt wird, ist der Notfall für die Pferdebesitzer, die deshalb warten müssen anonym. Das Verständnis, warum der eigene Termin vom Tierarzt nicht eingehalten werden kann hält sich in Grenzen. Ein Notfall in der ambulanten Pferdepraxis löst eine Kettenreaktion aus. Durch den Abbruch der geplanten Praxistour kommt der gesamte Zeitplan durcheinander. Da bei den privaten Pferdehaltern die Besuche auch von der Arbeitszeit der Pferdehalter abhängen, wirft ein einziger Notfall oft den Plan für eine ganze Arbeitswoche um. Wegen einem einzigen Notfall müssen oft hunderte von Kilometern mehr gefahren werden und viele Stunden zusätzliche Arbeitszeit abgeleistet werden.

Pferdenotfälle sind bei den Tierärzten auch deshalb so unbeliebt, weil sehr viele Kunden auf die Position 22 GOT mit sofortigem Tierarztwechsel reagieren. Die Position 22 GOT (Eilbesuch sofern der Praxisablauf erheblich gestört wird) gibt dem Tierarzt das Recht sich den zusätzlichen Aufwand, den ein unplanbarer Besuch verursacht zu berechnen. Was dürfen denn 80 km einfache Fahrt zum Notfall, in der Pferdepraxis durchaus übliche Strecken,  kosten? Was ist mit der Fahrzeit?

Was würden sie tun, wenn sie gerade am Nobelreitstall ankommen, der 80 km von der Praxis weg liegt, um 3 Pferde zu Impfen und die Zähne zu kontrollieren und zu korrigieren. Gerade wenn sie den Hof erreichen ruft ein anderer Pensionsbetrieb an, ein Pferd ist getreten worden und hat vermutlich das Bein gebrochen. Fahrstrecke 110 km? Erst die Zähne und die Impfungen, die Leute zahlen immer sofort, oder zu dem getretenen Pferd fahren. Ein falscher Schritt des Pferdes kann eine Heilung unmöglich machen. Ich habe den Bruch als vorrangig eingestuft. Das Ehepaar auf Hof 1 war gar nicht begeistert, dass ich gleich wieder gefahren bin. Die Frau hat kein Wort mit mir geredet, dafür aber ein Gesicht gezogen, all wäre ich der größte Verbrecher. Mit dem Mann wurde ein neuer Termin verabredet. Ich hatte den Hof gerade verlassen, da war schon eine Kollegin mit den Routinebehandlungen beauftragt.

Das Pferd auf dem zweiten Hof hatte tatsächlich das Bein gebrochen. Sie glauben bestimmt, der Eigentümer des Pferdes war dankbar dass ich sofort gekommen bin?  Bei dem Bruch handelte es sich um einen Splitterbruch. Das Pferd wurde nicht behandelt sondern geschlachtet. Es musste mit gebrochenem Bein noch stundenlang auf den Metzger warten. Die Dankbarkeit bestand darin, dass die anstehende Bestandsimpfung vom billigsten Anbieter durchgeführt wurde, wegen GOT 22 war dies meine letzte Behandlung bei dem Besitzer von Hof 2.

So waren mit einem Notfall zwei Kunden weg. Es ist zwar pervers, aber meiner Erfahrung nach verliert man mehr Kunden dadurch, dass man zu Notfällen fährt, als dadurch, dass man nicht erreichbar ist.

Wie gering die ambulante Notfallmedizin von den Kunden geschätzt wird, sieht man beim Menschen daran, dass die Wiederbelebung nur mit einem Drittel dessen honoriert wird, was das Öffnen einer Tür durch den Schlüsseldienst kostet. Aber bisher hat sich noch kein Patient bei dem die Reanimation nicht gelungen ist darüber beschwert.

Nett sind auch die hochakuten Notfälle, bei denen sich dann bei der Ankunft herausstellt, dass sie doch nicht ganz so akut sind. Würden sie alles stehen und liegen lassen und sofort einen Fall vorziehen, der vor 3 Wochen akut war?

Ich schaffe es nicht mehr freundlich zu bleiben, wenn sich bei der Ankunft bei dem Pferd, das nicht mehr aufstehen kann, herausstellt, dass die Hufrehe schon seit drei Wochen besteht und auch behandelt wird. Auch die frische Wunde, die eitert und massig wildes Fleisch gebildet hat löst am Sonntag nicht gerade Begeisterung aus. Bei solchen Fällen wird das ungute Gefühl, dass das Wochenende abgewartet wurde um unter Vortäuschung eines Notfalles eine Praxis zu finden, bei der man noch keine Schulden hat leider nur all zu oft bestätigt. Der Tierarzt hat als Dienstleister gegen einen professionellen Nichtzahler keine Chance. Die miserable Zahlungsmoral und der unglaubliche Täterschutz in Deutschland haben tausende Betriebe mit Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet.

Nichterreichbarkeit kann viel Geldsparen. In meiner bisherigen Praxistätigkeit bin ich von netten Pferdbesitzern um ein schönes Haus beschissen worden. 

Das alles motiviert unheimlich, alle privaten Bedürfnisse hinten anzustellen.

 

 Zum Glück überwiegen aber die ehrliche Kunden, mit denen man gut zusammen arbeiten kann. Im Interesse dieser Kunden sollte die Versorgung im Notfall sichergestellt werden. Eine einzige Praxis kann selbst mit mehreren Mitarbeitern nie einen optimalen Notdienst organisieren.

 

Was kann von Seiten der Tierärzteschaft zur Verbesserung des Notdienstes getan werden?

 

Organisation eines Pferdenotdienstes

Ein Notdienst für Pferde kann nur funktionieren, wenn sich Praktiker zusammenschließen, die zum einen über die notwendige Ausstattung der Praxis verfügen, zum anderen während des Notdienstes nur für die Pferdepraxis zur Verfügung stehen. Wir haben es zwei Jahre lang geschafft mit fünf Tierarztpraxen für das Saarland einen solchen Pferdenotdienst zu organisieren. Dann wurde eine Gemeinschaftspraxis aufgelöst, Notfälle mit extremen Fahrstrecken wurden von einigen Teilnehmern des Notdienstes nicht mehr gefahren, so dass der Notdienst für die Praxen am Rand des Gebietes nicht mehr sichergestellt war. Leider ist das Projekt dann eingestellt worden.

Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarkollegen und Kolleginen kann nützlich sein. Oft kann ein Kollege einen Notfall übernehmen, wenn man zu weit entfernt ist. Dazu gehört gegenseitiges Vertrauen und Respekt. Es gehört aber auch dazu nach GOT abzurechnen. Leider ist gerade das der Punkt, an dem die Zusammenarbeit oft scheitert.

Ein funktionierender Notdienst setzt voraus, dass die Beteiligten Absprachen über die Bezahlung treffen und auch einhalten. 

 

Warum gibt es keinen Notfalltierarzt?

Ideal wäre es, einen Notfalltierarzt einzusetzen, der für Notfälle frei ist. Aber wer bezahlt den? Wären sich nur 5 Pferdepraktiker einig, könnten sie den Nottierarzt mit dem Geld finanzieren, das sie einsparen würden, wenn sie ihre Tätigkeit ohne Hetze ausüben könnten.

Der Notarzt für Pferde müsste ein Grundgehalt gezahlt werden, mit dem er seine Ausrüstung und seine Lebenshaltung finanzieren kann. Dafür muss er aber einen Teil seiner Einnahmen, die durch die Versorgung von Notfällen anfallen in die Kasse, aus der er bezahlt wird zurückzahlen. Ich bin sicher, dass sich die Kosten für die beteiligten Praxen in erträglichen Grenzen halten würden.

 

Eine Einzelperson ist niemals in der Lage dem Anspruch des Kunden nach 168 Stunden Bereitschaft zu überleben. Auch ein Tierarzt braucht einmal Ruhe und Schlaf. Ein übermüdeter Tierarzt ist nicht nur eine Gefahr für das Pferd sondern auch für die Mitmenschen. Ich weis nicht wie viele Kilometer ich während Nachtfahrten auf der Autobahn hinter dem Steuer geschlafen habe und welcher Schutzengel da gelenkt hat. Solche Fahrten gefährden nicht nur das eigene Leben, sondern auch das anderer Verkehrsteilnehmer.

Viele Pferdehalter verstehen überhaupt nicht, dass selbst Tierärzte Menschen sind, die auch soziale Kontakte brauchen

Welche Mannschaft gibt sich aber mit einem Mitglied ab, das ständig fehlt oder während eines wichtigen Spiels aus dem Tor springt und zum Koliker rast?

Es ist erheblich billiger Kunden zu verlieren als die Scheidungskosten für eine gescheiterte Ehe aufzubringen. Ganz ehrlich, wollten sie einen Lebensabschnittsagefährten, der kaum zu Hause ist, durch irrwitzige Arbeitszeiten ein gemeinsames Essen oder sonstiges Familienleben unmöglich macht. Dazu kommt noch die miese Laune, wenn auf den Kontoauszügen trotz Dauereinsatz kaum Eingänge, dafür aber jede Menge Abbuchungen zu verzeichnen sind.

Muss es denn so weit kommen wie bei einer Kollegin, die vor wenigen Wochen bei einer Pferdebehandlung vor Erschöpfung zusammengebrochen ist und vom Notarzt versorgt werden musste?

Auch ein Tierarzt hat das Recht zu sagen „Ich kann nicht mehr“!

Wenn Tierarzt und Kunde offen über dieses Problem sprechen ist dies für beide Seiten von Vorteil. Der Kunde kann sich absolut nicht vorstellen, was ein Notfall für die Organisation der Praxis bedeutet. Er begreift auch oft nicht, dass das geänderte Verhalten von Pferdehalter, aber auch der Tierärzte die Notversorgung gefährden können.

Was kann der Kunde tun, um die Situation zu verbessern?

Pferdehalter

Was kann der Pferdehalter für einen funktionierenden Notdienst tun?

Eine drastische Verbesserung würde allein schon dadurch erreicht, dass das man den erhöhen Aufwand für die Versorgung von Notfällen anerkennen würde. Das Gemotze über die unverschämten Preise, vor allem für die Anfahrt motiviert niemand zur Nachtarbeit.

Warum wartet einen ganzen Tag, bis man sich dann um 23.50 Uhr entscheidet, dass das Pferd mit hohem Fieber oder Kolik gerade jetzt versorgt werden muss. Die Hälfte aller Nacht- und Sonntagsaktionen sind verschleppte Krankheiten.

Pferdehalter, besonders wenn sie größerer Betriebe haben oder „ganz besonders wertvolle Pferde besitzen“ erwarten, dass der „Chef“ persönlich und nicht der Assistent (schicken sie mir bloß nicht den Lehrling!) erscheint. Rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche.

Wenn meine Praxisassistentin, die bei mir dreieinhalb Jahre gearbeitet hat samt erfahrener Helferin von Frau Neureich (Name ist frei erfunden, der Rest aber wahr) vom Hof gejagt wird, obwohl die Assistentin sehr wohl in der Lage gewesen wäre das Hufgeschwür zu diagnostizieren und zu versorgen, kommt man schon ins Grübeln ob man überhaupt Hilfskräfte beschäftigen soll.

Helfen würde auch, wenn die Zahlungsmoral der Pferdehalter besser würde. Ein großer Teil meiner Außenstände stammen von der Versorgung von Notfällen mit zeit- und materialaufwendigen  Nachversorgungen. Warum soll der Tierarzt arbeiten, wenn er durch Nichtarbeiten viel Geld sparen kann und noch Zeit für sich selbst hat?

Statt diese „kleveren“ Leute zu bewundern und im Streitfall noch mit falschen Aussagen vor Gericht zu decken sollten die anderen Pferdebesitzer bedenken, dass keiner gerne in einen Stall fährt, der für seine Nichtzahler berühmt ist. Warum hat denn keiner den Mut den Betrügern die Meinung zu geigen und sie aus dem Stall zu werfen?

Die Ausbildung der Pferdehalter im Erkennen und Versorgen von Notfällen ist ein wichtiger Punkt für die Verbesserung der Situation. Wer bei einer blutenden Verletzung einen gut sitzenden Verband anlegen kann, trägt viel zum Gelingen der Behandlung bei und nimmt viel von dem Zeitdruck aus dem Geschehen.

Hautabschürfungen oder ein Hufgeschwür sind keine Notfälle!

Viele Reiter transportieren ihre Pferde jedes Wochenende auf Turniere oder Reitertreffen. Warum wird dann ein krankes Pferd, das transportfähig ist nicht zum Tierarzt oder zur Pferdeklinik gefahren? Dann hätte der Tierarzt viel mehr Zeit für die Untersuchung und Behandlung. Er müsste auch keine Anfahrt berechnen. Die Versorgung der Pferde würde unter weitaus besseren Bedingungen stattfinden wie beim Pferdehalter. Die Pferdekliniken können rund um die Uhr Notfälle aufnehmen und versorgen. Bei den meisten Erkrankungen, die zu den Notfällen zählen, sind die Pferde transportfähig. Mit Hänger sind von meinem Praxissitz innerhalb einer Stunde 3 Pferdekliniken zu erreichen. Auch ich bin in der Lage Pferde stationär aufzunehmen und zu versorgen. Wären die Pferdebesitzer bereit ihre Pferde zum Pferdetierarzt zu transportieren, wären alleine dadurch in meinem Gebiet 90% der Notfälle versorgt!  Wer über keinen Pferdehänger verfügt sollte sich über Freunde oder einem professionellen Transporteur eine Transportmöglichkeit für den Notfall sichern.

 

Die Notversorgung eines Schlachtpferdes gehört für den Tierarzt zu den ganz unangenehmen Fällen. Nach der Notversorgung kommt der bürokratische Irrsinn (Anwendungsbeleg, Eintrag in den Equidenpass, Eintrag in das Bestandsbuch) und die Gefahr sich strafbar zu machen, wenn weder ein Equidenpass noch ein Bestandsbuch vorhanden sind. Immer noch verschwindet so manches Pferd nach der Notversorgung für immer aus dem Stall. Wohin wohl? Auch diese für den Tierarzt die Existenz gefährdenden Betrügereien machen die Pferdepraxis nicht attraktiver. 

Mich würde bei diesem Thema die Meinung der Leser interessieren,  die in Gebieten wohnen, in denen kein funktionierender tierärztlicher Notdienst für Pferde existiert.

 

Bildtexte:

 

Digitalbild Hänger

Die Möglichkeit Pferde zum Tierarzt zu transportieren wird viel zu selten genutzt. Jeder Pferdehalter sollte wissen, wo er im Notfall eine Transportmöglichkeit bekommt.

Digitalbild Hufrehe, chronisch

In diesem Stadium ist die Hufrehe kein Notfall mehr.

 

Digitalbild Hautwunde

Bei dieser nicht „ganz frischen“ Wunde kommt es auf einige Stunden bis zur Versorgung nicht an.

 

Digitalbild Beinbruch

Das Pferd belastet das Bein nicht mehr. Da das Pferd ist nicht mehr transportfähig. Ein klassischer Notfall, bei dem vor Ort über das weitere Vorgehen entschieden werden muss. 

 

Digitalbild Drahtverletzung 1

 

Selbst mit so schweren Verletzungen sind Pferde transportfähig. Die Notversorgung erfolgt mit einem Verband, der den Hautlappen andrückt.

 

Bild

Sprechen sie in guten Tagen mit ihrem Tierarzt über die Notversorgung